"Wort zum Sonntag"


        

 

Vertrauen

 

Von Achim Keßler


Ich sitze an meinem Schreibtisch und bin in meine Arbeit versunken. Plötzlich schrecke ich hoch. Lärm! Ich schaue aus dem Fenster und sehe zwei Jungs von der Schule nach Hause kommen. Jeder hat einen Stecken in der Hand. Beide rattern damit an unserem Eisenzaun entlang. Gerne erinnere ich mich an meine Schulwege. Was habe ich es genossen mit meinen Freunden zu trödeln, zu schwätzen, an den Zäunen entlang zu streichen und bei Regenwetter in die Pfützen zu hüpfen!
Schade, dass immer weniger Schüler diese wichtige Erfahrung machen können. Immer mehr Schüler werden von ihren Eltern morgens zur Schule gebracht, nachmittags wieder abgeholt - manchmal sogar noch über die Grundschuljahre hinaus. Ich habe mich mit vielen Lehrerinnen und Lehrern über dieses Phänomen unterhalten. Eine für mich sehr nachdenkenswerte Antwort einer Kollegin war folgende: „Das hat etwas mit fehlendem Vertrauen zu tun. Fehlendes Vertrauen der Eltern in ihr Kind, dass sie den Weg alleine schaffen. Fehlendes Vertrauen in ihre Erziehung und in ihre Elternrolle, fehlendes Vertrauen zu uns Lehrern.“ In Gedanken ergänze ich: Und fehlendes Vertrauen zu Gott.
Sicherlich ist das Phänomen vielschichtig: Die Gesellschaft hat sich verändert, die Schulwege sind ohne Zweifel länger und gefährlicher geworden. Ich sehe das in enger Verbindung mit unserer Tauferfahrung. Seit Jahren führt die Hitliste der Taufsprüche Psalm 91 Vers 11 an: „Denn ER hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Im Gespräch mit Eltern kommt häufig der Wunsch zum Ausdruck, dass dieses Psalmwort ihnen ein Gefühl der Sicherheit und Bewahrung gibt. Im Gottesdienst betone ich oft, dass Taufe nicht bedeutet, dass das Kind nun vor allem Schaden bewahrt bliebe, dass wir aber glauben, dass es mit Gott an seiner Seite den Weg in Angriff nehmen kann.
Das wünsche ich uns Eltern und unseren Kindern: Dass wir Eltern lernen, unsere Kinder loszulassen. Dass wir Eltern unseren Kindern zutrauen, die neuen Wege auch bewältigen zu können; und die können wir ja schließlich helfen einzuüben. Wenn der Schulweg zu lang sein sollte, dann könnte man sein Kind zu einem Ort in Schulnähe bringen. Von da an könnte es den Weg alleine mit Freunden gehen. Nach der Schule ginge das umgekehrt. Ich wünsche uns Eltern viel Vertrauen in uns selbst, in unsere Kinder und auch zu Gott. Denn es ist so wichtig mit Freunden auf dem Schulweg zu trödeln und zu bummeln und mit Stöcken an Zäunen entlang zu schrammen.
 

Pfr. Achim Keßler, Evangelische Kirchengemeinde Lang-Göns
(Dieser Text erschien in der Gießener Allgemeinen am 28. August  2010.)