"Wort zum Sonntag"


        

 

Weniger ist mehr!

 

Von Traugott Stein


Eine Lebensweisheit, die die meisten von uns schon einmal gehört haben. Wir kennen die Erfahrung, dass uns etwas „zu viel“ wird. Wieder mal zu viele Süßigkeiten, dass einem fast übel davon wird, das berühmte „eine Glas zuviel“, noch ein bisschen mehr Zeit im Internet, der verpasste Absprung beim Glücksspiel – all das Beispiele dafür, wo es problematisch werden kann, das richtige Maß zu finden. „Weniger ist mehr“ fällt auch mir manchmal schwer einzuhalten, weil die Lust und Freude nach „noch mehr“ reizvoll ist. Wir meinen Erfüllung zu finden, wenn wir möglichst viel haben und erreichen. Es geht aber auch anders: Vor kurzem waren wir mit einer Gruppe in einem Benediktinerkloster. Für ein Wochenende haben wir uns Zeit genommen, um an den Gebetszeiten der Brüder teil zu nehmen, haben über unseren Glauben und unsere Erwartungen an gelingende Gemeinschaft gesprochen, haben Abstand zu den Alltäglichkeiten genommen. Neben gutem Essen und genügend Zeit für uns selbst haben wir eine ausgefüllte Zeit in der Gruppe erlebt. Am Ende der Tage sagte eine der Teilnehmerinnen, für sie hätten diese Tage etwas von der „Fülle des Lebens“ gehabt.

 

„Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 16), schreibt Johannes über einen, der nach außen hin sehr wenig zu bieten hatte. An Reichtümern gab es in der Gefolgschaft Jesu nichts zu holen und mit Ansehen und Wertschätzung in der Öffentlichkeit war es auch nicht weit her. Diejenigen, die allerdings Jesus in die Schlichtheit und in die Konzentration auf das Wesentliche gefolgt sind, haben für sich einen besonderen Reichtum gefunden. Gnade, Trost, Erlösung, Umkehr, Befreiung – das sind möglicherweise ungebräuchliche Worte. Aber genau das hat Jesus bei den meisten Menschen ausgelöst, die zu ihm kamen bzw. zu denen er hinging. Wer diese Worte aber ganz persönlich auf sich bezieht, der spürt die tiefe Sehnsucht nach dieser verändernden Kraft Jesu. Die Passions- und Fastenzeit will uns Anlass geben, genau zu überdenken, was in unserem Leben wichtig ist. Nicht Verzicht um des Verzichts willen. Sondern in dieser besonderen Zeit die Chance dazu nutzen, etwas mal neben liegen zu lassen, was nicht wirklich hilft, Leben in seiner Fülle zu finden. Auch wenn die Fastenzeit bereits begonnen hat, es müssen ja nicht gleich „sieben Wochen ohne“ sein. Vielleicht ist ja auch da weniger mehr. Fülle, die Gott uns schenken will, finden wir leichter, wenn wir weniger zulassen.


Pfarrer Traugott Stein, Evangelische Kirchengemeinden Daubringen und Mainzlar.
(Dieser Text erscheint in der Gießener Allgemeinen am 6. März 2010.)