"Wort zum Sonntag"


        

 

Sorgen loslassen dürfen

 

Von Eva Reinhard

Das Jahr 2012 ist erst wenige Tage alt. Manche haben es zuversichtlich begonnen, Andere eher verzagt und sorgenvoll: Was wird auf uns zukommen? Was werden wir bewältigen oder ertragen müssen? Was wird in unserer Welt geschehen? So liegt das neue Jahr vor uns wie ein Buch mit vielen leeren Seiten. Mir helfen zu Beginn des Jahres die Worte der Jahreslosung weiter. Sie stehen im 2. Korintherbrief des Paulus im 12. Kapitel. Ich lese sie sozusagen wie eine Überschrift über den nächsten 360 Tagen: „Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Aber wer will schon gerne schwach sein?

Nur keine Schwäche zeigen! Ich möchte dem genügen, was ich selbst von mir erwarte oder Andere von mir fordern. Stärke ist gefragt in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Erfolg setzt. Aber wie anstrengend ist das, es erzeugt enormen Druck und Ängste.

Wie werde ich bestehen, wenn ich an meine Grenzen komme, mich nicht mehr auf meine eigene Kraft verlassen kann, Krankheit nach mir greift oder Sorgen um einen lieben Menschen mich um treiben...? Hier kann ich von der Erfahrung des Paulus lernen: Auch seine Situation damals in Korinth ist schwierig. Er wird angefeindet, kritisiert, ist schwach und krank. Er betet, aber Gott erhört ihn nicht so, wie er das erhofft. Er erhält vielmehr die zunächst befremdende und enttäuschende Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Paulus lernt nach und nach mit seiner Krankheit und Schwachheit zu leben. Mitten in seiner Schwachheit, da wo er an seine Grenzen kommt und keine Energie mehr hat, ist Gott mit seiner Kraft bei ihm. Gottes Kraft, seine Liebe, ist genug. Sie genügt, um die Situation zu bestehen. Diese Erfahrung der Kraft, die in den Schwachen wirkt, bleibt bis heute Gottes Geschenk an uns Menschen.

Davon erzählen Manche bei meinen Besuchen im Krankenhaus: „Ich weiß nicht, wie ich die letzten Tage ohne meinen Glauben hätte schaffen sollen. Ohne die Hoffnung, dass Gott doch da ist, in aller Angst und Not. Das hat mir geholfen, das nächste Stück Weg zu bewältigen. Auch wenn ich nicht verstehe, warum ich das alles erleiden muss.“

Die Jahreslosung möchte uns ermutigen, die Sorge um das, was kommen wird, loszulassen. Im Vertrauen, dass Gott Jeden und Jede von uns im Blick hat.

Dietrich Bonhoeffer hat dies in die Worte gefasst: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Pfarrerin Eva Reinhard, Evangelische Klinikseelsorge Gießen

(Dieser Text erscheint  in der Gießener Allgemeinen am 7. Januar 2012.)