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„Nein zu Gewalt und Mißbrauch“
Gießen. (mh)„Die
Evangelische Kirche sagt Nein zu Gewalt und sexuellem Missbrauch, sieht
darüber nicht hinweg und wird Übergriffe nicht
tolerieren.“ Das unterstreichen der Evangelische Dekan Frank-Tilo
Becher und die Präventionsbeauftragen für Kinderschutz im
Evangelischen Dekanat Gießen. Die Gemeindepädagogin Karin
Kirschmann und Stadtjugendreferent Edgar Viertel-Harbich haben im
Auftrag des Dekanats ein Präventionskonzept erarbeitet und beraten
seit Herbst 2010 die Kirchengemeinden. Außerdem sind sie als
„Vertrauenspersonen“ Ansprechpartner für Menschen, die
Opfer von Übergriffen geworden sind und beraten Mitarbeitende, die
einen Verdacht haben. (Foto: Hartmann) „Erschüttert und betroffen von den Berichten über sexuellen Missbrauch in den letzten Jahren wollen wir sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche in unserer kirchlichen Arbeit vor Grenzverletzungen, Übergriffen und Misshandlungen geschützt sind“, sagt der Dekan. Gerade die Kirche habe die Würde und Unverletzlichkeit von Menschen zu bewahren. Täter gehen zielgerichtet und geplant vor Den Präventionsbeauftragten geht es darum, dass die kirchliche Arbeit ein „sicherer Raum“ ist und konkreter Schutz für Kinder und Jugendliche gewährleistet sei, erklärt Edgar Viertel-Harbich. „Wir wollen aber auch, dass Kinder, denen woanders Leid zugefügt wurde, sich bei uns sicher fühlen können und wir nichts tun, was ihre seelischen Verletzungen verstärkt“, ergänzt Karin Kirschmann. Das können selbst Handlungen sein, die für viele selbstverständlich und in der Kirche oft praktiziert und ritualisiert sind. „Wir sind es gewöhnt, uns am Ende einer Veranstaltungen im Kreis aufzustellen und dabei einander die Hand zu geben“, erklärt die Präventionsbeauftragte. Für Missbrauchsopfer könne eine solche an sich harmlose Berührung dennoch unerträglich sein. „Wir wollen nicht, dass Gemeinden darauf verzichten, aber ich wünsche mir, dass Mitarbeitende wahrnehmen und akzeptieren, wenn sich Kinder dem entziehen.“ Seit Herbst 2010 suchen er und seine Kollegin Gemeinden und kirchliche Einrichtungen auf und informieren Kirchenvorstände und Mitarbeitende über das Thema Missbrauch. Aufklärung über typische Verhaltensmuster und Vorgehensweisen von Tätern soll Übergriffe verhindern. Missbrauch beginne bereits mit anzüglichen Bemerkungen gegenüber Kindern oder Berührungen, denen sich Kinder nicht entziehen können. Für Karin Kirschmann ist es sexuelle Gewalt, wenn jemand die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit von Kinder und Jugendlichen zur Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt. Täter gehen nicht zufällig vor, sie suchten sich zielgerichtet besonders verletzliche Kinder und Jugendliche aus, weiß Kirschmann. Opfer seien am häufigsten Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren. Tätern soll es so schwer wie möglich gemacht werden, Kindern in Kirchengemeinden zu schaden. „Aus Gesprächen mit Beratungsstellen wissen wir leider, dass sich Täter gezielt und geplant in Kirchen, Sportvereine und andere soziale Organisationen begeben haben, weil diese Institutionen einen allgemeinen Vertrauensvorschuss genießen und deswegen in der Vergangenheit nicht so genau hingesehen wurde“, so Karin Kirschmann. Sie könne deshalb auch nicht ausschließen, „dass sich Täter in der kirchlichen Arbeit befinden, obwohl sich bislang keine Opfer von Übergriffen im Dekanat gemeldet haben“. Missbrauch ist kein Randthema und kein individuelles Schicksal Kirschmann und Viertel-Harbich haben an der Schulungsreihe "Prätect - Keine Täter in den eigenen Reihen" des Bayerischen Jugendrings in Kooperation mit dem Bundesjugendring teilgenommen. Prätect ist eine Wortschöpfung aus Vorbeugen (Prävention) und Schützen (engl. Protect) vor sexueller Gewalt. Gerhard Schulze-Velmede, Vorsitzender des Dekanatsvorstands, steht hinter dieser Arbeit. Er hatte sich dafür eingesetzt, dass trotz knapper werdender Personalstellen in der Kirche die beiden Gemeindepädagogen ausgebildet wurden und Prävention nun zu ihren Aufgaben gehört. Denn, „Kindeswohlgefährdung und Missbrauch ist kein Randthema oder individuelles Schicksal, sondern stellt ein breites gesellschaftliches Phänomen dar, das in unterschiedlicher Weise die Evangelische Kirche berührt“. Wer in der Kirche haupt- oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, soll sich künftig mit dem Thema Missbrauch und den Schutzmöglichkeiten auseinandergesetzt haben. Als vorbeugende Maßnahme plädiert Edgar Viertel-Harbich für eine Selbstverpflichtungserklärung, mit der alle betreffenden Mitarbeitenden deutlich machen, welche Verantwortung sie für anvertraute Kinder und deren Unantastbarkeit haben. Darin heißt es u.a. wörtlich: • Ich will die mir anvertrauten Jungen und Mädchen, Kinder und Jugendlichen vor Schaden und Gefahren schützen. • Ich verpflichte mich, alles mir Mögliche zu tun, dass in der evangelischen Jugendarbeit keine Grenzverletzungen, keine körperliche oder seelische Gewalt, kein sexueller Missbrauch und keine sexualisierte Gewalt möglich werden. • Ich nehme die individuellen Grenzempfindungen der Mädchen und Jungen, der Kinder und Jugendlichen wahr und ernst. Ich respektiere die persönlichen Grenzen der Scham der Gruppenmitglieder und Teilnehmenden sowie der Mitarbeitenden. Bei der Erklärung geht es nicht um ein gut gemeintes Lippenbekenntnis. Wer, ob haupt- oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, soll sich intensiv mit dem Themenkomplex beschäftigen. Wer unterzeichnet, verspricht, dass er sich an den Verhaltenskodex gebunden fühlt. Betroffene können mit den Vertrauenspersonen Kontakt aufnehmen Mögliche Betroffene und deren Angehörige können direkten Kontakt zu den beiden Beauftragten aufnehmen. Sie werden allem nachgehen und im Notfall Opfern beistehen und professionelle Hilfe bei der Betreuung durch spezialisierte Beratungsstellen vermitteln, wenn es gewünscht wird. Ein so genanntes „Krisenteam“ wird im Verdachtsfall die Aufklärung koordinieren, Vorgehensweisen beraten und Kontakt zu Behörden schließen. Dabei werde der Schutz der Opfer im Mittelpunkt stehen. Aber auch verdächtigten Mitarbeitenden gilt ihr Auftrag. Ein falscher Verdacht könne fatale Folgen haben. Dennoch ermuntert Karin Kirschmann die Menschen in Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen auf „ihre komischen Gefühle“ zu achten, wenn ihnen etwas im Umgang von haupt- oder ehrenamtlichen Mitarbeitenden mit Kindern und Jugendlichen auffällt. „Das komische Gefühl kann trügen, aber oft genug war es schon Anlass, Missbrauch zu stoppen“. Die Präventionsbeauftragten des Evangelischen Dekanats sind telefonisch erreichbar: Karin Kirschmann (0176-70298719) sowie Edgar Viertel-Harbich (0176-70297050) oder per E-Mail unter vertrauen-giessen@web.de. Download
Selbstverpflichtungserklärung (PDF)
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