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Gedanken zum Sonntag
Von Frank-Tilo Becher Schwäche gehört nicht
zu unseren Wünschen an das neue Jahr. Da hoffen wir eher auf wachsende Kraft
und Stärke – für uns selbst, für Europa, für den Euro. Im Sport wird gedopt, um
Leistungsgrenzen zu überwinden, in der Wirtschaft soll mit Schulden erkaufter
neuer Konsum für die Zukunft stärken.
Nur die, die wir längst abgeschrieben haben und für die wir keine angemessen
bezahlte Arbeit mehr haben, dürfen schwach sein. Oder sollen sie sogar schwach
bleiben, um nicht zu stören? Aber vielleicht gehen wir mit der Angst vor
Schwäche an einer wichtigen Kraftquelle vorüber, die uns im kommenden Jahr gut
weiterhelfen würde. Wo dieser Kraft Gottes vertraut wird, ist Schwachheit nicht
aussichtslos. Wir müssen Schwäche nicht meiden, denn aus ihr heraus wird eine
Kraft mächtig, an die wir sonst nicht gelangen würden. Solche Einsicht könnte
uns auch neugierig machen auf junge Menschen, die sich zum Beispiel in der
Jugendwerkstatt beruflich qualifizieren, weil sie in der Schule zu schwach
waren. Werden wir die Kraft entdecken, die gerade bei ihnen zu finden ist,
ihnen zufließt und Würde und Ansehen verleiht? So gesehen könnte ein Jahresausblick doch mal ganz anders
ausfallen. Er könnte Momente eigener Schwäche berücksichtigen, verbunden mit
dem guten Vorsatz, sich mit Kraft beschenken zu lassen. Ich glaube, so könnten
wir in guter Weise mit Gott unterwegs sein und wären gleichzeitig einen Schritt
dichter bei uns selbst. Eigentlich schöne Aussichten für das neue Jahr! (Dieser Text erscheint ist im Gießener Anzeige am 31. Dezember 2011 erschienen.)
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