Gedanken zum Sonntag

 

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

Von Frank-Tilo Becher

 Schwäche gehört nicht zu unseren Wünschen an das neue Jahr. Da hoffen wir eher auf wachsende Kraft und Stärke – für uns selbst, für Europa, für den Euro. Im Sport wird gedopt, um Leistungsgrenzen zu überwinden, in der Wirtschaft soll mit Schulden erkaufter neuer  Konsum für die Zukunft stärken. Nur die, die wir längst abgeschrieben haben und für die wir keine angemessen bezahlte Arbeit mehr haben, dürfen schwach sein. Oder sollen sie sogar schwach bleiben, um nicht zu stören? Aber vielleicht gehen wir mit der Angst vor Schwäche an einer wichtigen Kraftquelle vorüber, die uns im kommenden Jahr gut weiterhelfen würde.

 Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist die christliche Jahreslosung für 2012. In diesem Satz aus dem 2. Korintherbrief findet zueinander, was sich uns als getrennte Welten darstellt. Hier steht ausgerechnet in der Wüste der Schwäche ein Brunnen der Kraft. Es geht um eine Kraft, die wir uns nicht selbst verleihen können und doch zum Leben brauchen wie das Wasser in der Wüste. Es geht um Trost, der dort fließt, wo erst Traurigkeit ist; um Ermutigung, die stärkt, wo vorher Angst regiert; um Hoffnung, die aufblüht, wenn nur noch Verzweiflung herrscht. Es geht um Erkenntnis, die sich einstellt, wenn man offene Fragen nicht fürchtet.

 Wo dieser Kraft Gottes vertraut wird, ist Schwachheit nicht aussichtslos. Wir müssen Schwäche nicht meiden, denn aus ihr heraus wird eine Kraft mächtig, an die wir sonst nicht gelangen würden. Solche Einsicht könnte uns auch neugierig machen auf junge Menschen, die sich zum Beispiel in der Jugendwerkstatt beruflich qualifizieren, weil sie in der Schule zu schwach waren. Werden wir die Kraft entdecken, die gerade bei ihnen zu finden ist, ihnen zufließt und Würde und Ansehen verleiht?

So gesehen könnte ein Jahresausblick doch mal ganz anders ausfallen. Er könnte Momente eigener Schwäche berücksichtigen, verbunden mit dem guten Vorsatz, sich mit Kraft beschenken zu lassen. Ich glaube, so könnten wir in guter Weise mit Gott unterwegs sein und wären gleichzeitig einen Schritt dichter bei uns selbst. Eigentlich schöne Aussichten für das neue Jahr!

Pfarrer Frank-Tilo Becher ist Dekan des Evangelischen Dekanats Gießen

(Dieser Text erscheint ist im Gießener Anzeige am 31. Dezember 2011 erschienen.)